20. April 2026

Seit fast 140 Jahren: Evangelische Frauenhilfe Wiebelskirchen bringt Frauen im Ort zusammen


Ende April feiern die „Evangelischen Frauen im Rheinland“ ihr 125-jähriges Bestehen. Im Saarland ist die Frauenhilfe Wiebelskirchen sogar schon seit fast 140 Jahren rege aktiv. 3/4 der Mitglieder nehmen an den regelmäßigen Vereinsaktivitäten teil. Ein Ortsbesuch.

Neunkirchen. Zusammenkommen, einfach gemütlich „sprooche“, sich über Dorfklatsch austauschen, gemeinsam backen und sich über den Heimatort austauschen – all das können Frauen seit fast 140 Jahren bei der Evangelischen Frauenhilfe Wiebelskirchen. Der Ortsverein aus dem Bergbaudorf ist damit noch ein gutes Jahrzehnt älter als sein Landesverband, die „Evangelischen Frauen im Rheinland“.

Wo andernorts Frauenvereine ihre Arbeit einstellen, ist die Ortsgruppe des Neunkircher Stadtteils nach wie vor rege aktiv. An diesem Tag sind etwas über 40 Damen zwischen 65 und knapp 100 Jahren zum Kaffeeklatsch ins Evangelische Gemeindezentrum in der Martin-Luther-Straße gekommen. „‘Nur‘ 40“, wie Christel Massow, Vorsitzende der Frauenhilfe Wiebelskirchen betont. Normal seien es um die 50 Frauen, die an den Vereinsaktivitäten teilnehmen. Ein respektabler Durchschnitt für den Ortsverein mit derzeit 70 Mitgliedern, von denen längst nicht alle evangelisch sind.

Die regulären Monatstreffen beginnen aber natürlich christlich – und saarländisch: Nach einer kurzen Andacht mit gemeinsamen Liedern steht immer ein Imbiss auf dem Programm. Kein Kaffee und Kuchen diesmal, sondern klassisch selbstgemachte saarländische „Kässchmier“ mit Brot „vom Bäcker zwei Straßen weiter“. Ortsverbundenheit geht hier auch durch den Magen. Heiter geht es zu, viel Lachen ist zu hören. Gesprochen wird von den meisten Platt, aber auch zugezogene Akzente sind zu hören. Alle sind willkommen – Männer aber zumindest bei den Monatstreffen nicht. Der eine Nachmittag ist für Frauen reserviert. Für viele zählt er zum Pflichtprogramm und zum Termin, dem man freudig entgegensieht.

Lange Treue: Über 80 Jahren in der Frauenhilfe

Eine von denjenigen, die dem Verein die Treue halten, ist Otilie Müller. Die 97-jährige rüstige Dame ist immer noch bei jeder Zusammenkunft dabei. Seit ‘43 sei sie Mitglied der Frauenhilfe Wiebelskirchen, erzählt sie. Seit 43 Jahren? „Nein, seit 1943“, seit über acht Jahrzehnten. Damals habe sie als Jugendliche ihre Mutter zu den Treffen begleitet. So richtig reden möchte sie über die Anfangszeiten nicht. Es habe damals Vereine im Ort gegeben, die seien angesehener gewesen als andere, meint sie nur. Sie wollte nicht in den Bund Deutscher Mädel, die nationalsozialistische Organisation für junge Frauen, also blieb sie zeitweise auch der Frauenhilfe fern, um nicht erklären zu müssen, warum sie in den einen Verein ging und in den anderen nicht.
Umso schöner ist ihr die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Erinnerung. „Wir haben sehr viel gesungen“, blickt sie zurück. Geschichten seien viele erzählt worden. Auch die soziale Ausrichtung der Frauenhilfe spielte damals eine größere Rolle. Regelmäßig hätten die Frauenhilfe-Frauen für das damalige Kinderheim in Wiebelskirchen Spenden gesammelt oder für die Kinder dort genäht. Politische Themen aber waren nicht ihre Sache, sagt Müller.

Gemeinschaftsleben im Vordergrund – reichhaltiges Programm

Im Gegensatz zu anderen Frauenhilfs-Vereinen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts teils energisch für Frauenrechte stritten, stand in Wiebelskirchen von Beginn an das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund. Das erklärte Ziel des 1889 gegründeten Ortsvereins, so ist es überliefert, war „Frauen aus der Isolation von Küche von Landwirtschaft“ herauszuholen. Also: Den Frauen mal etwas anderes bieten, sie mit Gleichgesinnten zusammenbringen, für Ablenkung von Haus und Hof sorgen.

Diesem Vorsatz ist die nach Sulzbach (Gründung 1850) älteste Frauenhilfegruppe im Saarland in all den Jahren stets nachgekommen. Geboten wurde und wird viel. Da sind natürlich die monatlichen Vereinstreffen mit wechselnden Schwerpunktthemen. An diesem Nachmittag geht es um kirchliche Belange: Gemeindepfarrerin Dagmar Labow ist gekommen, um über aktuelle Entwicklungen in der Gesamtkirchengemeinde zu berichten oder „um zu erklären, warum nicht mehr jeden Sonntag Gottesdienst in Wiebelskirchen stattfinden kann“, wie sie sagt. Sonst sind es oft Themen mit Bezug auf den Ort. Vor kurzem war der Ortsvorsteher zu Gast, demnächst ein Vertreter des Heimatkunde-Vereins. Regelmäßig steht auch das beliebte „Backen nach Omas Rezepten“ auf dem Programm. Der perfekte Hefekuchen? Für die Damen ein Kinderspiel.

Highlights sind bis heute die Fastnachtsveranstaltungen mit selbst erdachten Sketchen und das Sommerfest „am Brunnen“ neben der Evangelischen Kirche. Auch der jährliche Vereinsbesuch in einem ortsansässigen Eiscafé ist fester Bestandteil des Programms. Daneben sei auch immer wieder mal etwas ausprobiert worden. Eine Hutmodenschau habe es schon gegeben, Singabende und Theateraufführungen. Natürlich werden auch kirchliche Anlässe wie der ökumenische Weltgebetstag im März und der Frauenhilfe-Sonntag am 1. Advent angemessen begangen. Früher hätten auch mehrtägige Ausflugsfahrten auf dem Programm, berichtet Christel Massow. Heute sind es Tagestouren in der Region, die sind flexibler in der Organisation. Geblieben ist die gute Stimmung auf den Fahrten, wie auch bei den anderen Aktivitäten. 

Sorgen um die Zukunft trotz aktivem Vereinsleben

Wie wird es in zehn Jahren sein? Darüber wollen weder Christel Massow noch Pfarrerin Labow spekulieren. Zu unabsehbar ist, was kommen wird, gerade angesichts großer Herausforderungen.
Fehlender Zulauf ist das derzeit nicht, auch wenn die Mitgliederzahlen in der Pandemie gelitten haben. Es kämen aber immer wieder neue Frauen dazu. „Meistens sind es Witwen, die von anderen mitgebracht werden“, weiß Christel Massow. Die meisten von ihnen blieben hängen, worüber sie sich freue. Aber dadurch wird ein Problem nicht gelöst, das die Frauenhilfe mit anderen Vereinen teilt, nämlich: „Wir finden niemanden mehr für die Vorstandsämter“, bedauert Massow. Wer die Vereinsaktivitäten organisieren soll, wenn sie und ihr Team irgendwann nicht mehr weitermachen wollen oder können, ist unklar.
Hinzu kommt noch eine ganz profane Unsicherheit. Die Vereinsaktivitäten leben vom Zusammentreffen vor Ort. Das Evangelische Gemeindehaus, in dem sich die Frauenhilfe in der Regel trifft, steht zwar nicht akut zur Disposition, doch könnte es sein, dass die Frauenhilfe möglicherweise auf ihren Stammsitz verzichten muss. Beispielsweise, wenn sich das Gebäude nicht energetisch sanieren lässt, um den klimapolitischen Vorgaben der Landeskirche zu entsprechen. „Da wird man irgendwann drüber sprechen müssen“, gibt Pfarrerin Labow zu bedenken.

Christel Massow und ihr Team denken vorläufig noch nicht daran. Zunächst einmal soll in drei Jahren das 140-jährige Jubiläum der Frauenhilfe Wiebelskirchen gefeiert werden. Ideen dafür gibt es schon.

 

Info
Die Evangelischen Frauen im Rheinland e.V. fördern die Frauenarbeit in den Gemeinden und auf Ebene der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie ermutigen Frauen, ihren Glauben vielfältig zu leben und sich mit theologischen und gesellschaftspolitischen Themen auseinanderzusetzen. Dazu werden Frauen geschult und Materialien für die Praxis der Gemeinden veröffentlicht. Landeskirchenweit werden Multiplikatorinnen für die Weltgebetstagsarbeit ausgebildet und Kampagnen durchgeführt.

www.frauen-rheinland.de 

Im Saarland sind die Frauenhilfe-Ortsvereine in den beiden Kreisverbänden Saar-West und Ottweiler organisiert.





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